Intelligenticus2018-10-28T20:08:00+00:00

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Elektronische Patientenakte (ePA), Fluch oder Segen oder beides zugleich?

Die Grünen-Fraktion im Bundestag beklagt die Konzeptlosigkeit des Gesundheitsministeriums (BMG) bei der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA).
Sinn und Zweck einer ePA soll es sein Transparenz zu schaffen, Behandlungsqualität zu verbessern, sowie Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Dies alles soll durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen erreicht werden. In der ePA sollen alle Daten enthalten sein, die der Arzt benötigt, um Patienten qualitativ optimal zu behandeln. Diese Zielvorstellung kann man nur gut heißen, nützt sie doch allen Beteiligten, nämlich dem Arzt, dem Krankenhaus und dem Patienten. Es herrscht aber derzeit, wie das in Deutschland leider öfter der Fall ist, mehr oder weniger ein totales Chaos. Man hat sich in einem Wirrwarr von Patienten-, Gesundheits-, Fallakten u.a. verstrickt. Das liegt u.a. auch an den Protagonisten im Gesundheitswesen, die schnell auf den Zug der ePA aufgesprungen sind, um mit ihr als Marketinginstrument Kunden zu gewinnen und vor allem zu binden. So ist unweigerlich ein Durcheinander an Dateien von Krankenkassen, Softwareherstellern und anderen Initiatoren entstanden, unter denen jeder etwas anderes versteht. Es handelt sich also um einen vollkommen inkonsistenten Datenbestand, der eher verwirrt als hilft.
Zudem ist die Interoperabilität dieser Entwicklungen, die die KBV zu Recht fordert, nicht sicher. Welche Daten sie enthalten ebenso. Hinzu kommen verschiedene Konzepte zur Speicherung der Daten, mal zentral in einer Cloud, mal dezentral mit Verweisen auf die Speicherorte. Ein klarer Fahrplan mit Rahmenbedingungen, die es den Ärztinnen und Ärzten ermöglicht, sich darauf einzustellen, gibt es nicht. Und der Berufsstand, der tagtäglich mit der Akte arbeiten, sie befüllen und auf deren Grundlage Entscheidungen treffen soll, für die er im schlimmsten Fall haftbar gemacht werden kann, bleibt im Regen stehen.

Die DGbV fordert daher die rasche Schaffung von Rahmenbedingungen, die den derzeit herrschenden Wildwuchs in geregelte Bahnen lenkt. Ansonsten droht eine elektronische Patientenakte, die mehr Arbeit als Entlastung schafft und sicher auch keine Akzeptanz erfahren wird. Die dringende Forderung an die derzeitige Bundesregierung lautet daher, das bisherige Gesetz so schnell wie möglich zu novellieren oder, besser noch, ein neues E-Health-Gesetz auf den Weg zu bringen, das sich mit den praktischen Alltagsfragen beschäftigt und so das verbessert, was für alle Beteiligten entscheidend sein sollte: die Behandlung des Patienten. Nur wenn Ordnung ins System gebracht wird, kann aus der ePA sogar noch ein Schuh werden.

Insofern ist die kleine Anfrage von Bündnis90/die Grünen (Drucksache 19/3269) höchst gerechtfertigt und seit langem überfällig, ob die Regierung eine einheitliche Schnittstelle für die verschiedenen ePAs der Krankenkassen etc. plant. Letztere müssten sich nach den technischen Standards der Gematik richten, so die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 19/3528) – doch diese sollen erst Ende 2018 feststehen. Also mal wieder die berühmte „Lange Bank“.
Die elektronische Patientenakte soll die „Königsdisziplin“ der vernetzten Versorgung sein. Eine Vielzahl von Aktenmodellen und -initiativen konkurriert um die Gunst der Nutzer. Wie sich die verschiedenen Ansätze integrieren lassen, ist immer noch unklar.

Eine elektronische Patientenakte (ePA), in der Gesundheitsdaten aus Arztpraxen, Kliniken und anderen Gesundheitseinrichtungen gesammelt werden, würden 60 Prozent der Deutschen nutzen, 34 Prozent lehnen dies ab. Das ergab eine repräsentative Umfrage, die der Digitalverband Bitkom und die Bayerische TelemedAllianz Ende März 2017 veröffentlicht haben. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine von YouGov im Auftrag des AOK-Bundesverbandes ein halbes Jahr später durchgeführte Befragung unter gesetzlich Versicherten: Danach würden sogar 78 Prozent der Befragten eine digitale Gesundheitsakte nutzen, wenn sie von ihrer Krankenkasse angeboten wird. 77 Prozent der Versicherten wollen zudem selbst darüber bestimmen, welche Ärzte Zugriff auf die Daten in ihrer elektronischen Akte haben. Die Umfragen deuten auf ein wachsendes Interesse der Bevölkerung an einem persönlichen selbstbestimmten Gesundheitsmanagement unter Einbeziehung digitaler Technologien hin, wie sie es aus anderen Lebensbereichen schon längst gewohnt sind.

Die Realität in Klinik und Praxis sieht allerdings noch völlig anders aus*: 47 Prozent der Ärzte nutzen für ihren Schriftverkehr, etwa für Arztbriefe, überwiegend noch Papier und Stift, und 34 Prozent arbeiten immer noch mit der Patientenakte auf Papier. So lauten die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage von Hartmannbund und Bitkom unter 477 Ärztinnen und Ärzten. Dennoch bewerten 69 Prozent der befragten Ärzte die Digitalisierung als Chance für die Versorgung. 65 Prozent meinen, dass die ePA die Zusammenarbeit zwischen den Ärzten erleichtert, 54 Prozent sehen eine Kostenersparnis durch weniger Doppeluntersuchungen und 42 Prozent versprechen sich mehr Transparenz für alle Beteiligten über das Leistungsgeschehen und die Morbidität.
Die ePA gilt als das Herzstück der Telematikinfrastruktur (TI), die mit dem GKV-Modernisierungsgesetz im Jahr 2004 auf den Weg gebracht wurde. Damals war die ePA als eine der Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) genannt worden. In dem Ende 2015 verabschiedeten E-Health-Gesetz hat die Bundesregierung die elektronische Patientenakte formal als wesentlichen Teil der Telematikinfrastruktur verankert. Sie soll ab 2019 als freiwillige Anwendung für die gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen und unter anderem den Notfalldatensatz, den Medikationsplan, Arztbriefe und weitere medizinische Dokumente, wie etwa den elektronischen Impfpass, aufnehmen. Als Zugriffsberechtigung erfordert sie den elektronischen Heilberufsausweis des behandelnden Arztes bzw. Ärztin. Wir denken auch, dass es ein Patientenfach geben muss, in das der Patient in Eigenregie medizinische Dokumente und Bilder, Laborwerte und eigene Körperdaten verwalten können soll.
Die wachsende Nachfrage durch Patienten nach einem einfacheren Zugriff auf ihre medizinischen Daten, die Fortschritte in anderen europäischen Ländern , aber auch die Zunahme kommerzieller Angebote haben dazu geführt, dass verschiedene Akteure des Gesundheitswesens die Einführung elektronischer Patienten- oder Gesundheitsakten vorantreiben wollen. Diesem Wunsch schließt sich die DGbV vollinhaltlich an.
Erfreulicherweise hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ihre Haltung zur ePA in einem Positionspapier zusammengeführt. Darin begrüßt die KBV die Einführung einer elektronischen Patientenakte grundsätzlich. „Sie kann den Austausch zwischen Ärzten, Psychotherapeuten, anderen nichtärztlichen Gesundheitsberufen und Patienten verbessern und somit die Effektivität, Effizienz und Qualität in der Versorgung steigern“, heißt es in dem Papier. Zudem könne sie die Wirtschaftlichkeit und Transparenz ärztlicher Behandlungen erhöhen – zum Beispiel wenn medizinisch nicht notwendige Doppeluntersuchungen entfallen.
Die KBV formuliert jedoch auch deutlich, was die ePA nicht sein kann. „Die ePA ist nur eine Ergänzung zu bereits bestehenden Dokumentations- und Kommunikationswegen. Sie ersetzt weder die Primärdokumentation des Arztes noch die bereits etablierte Arzt-Arzt-Kommunikation, beispielsweise im Rahmen von Befundübermittlungen und Entlassbriefen“, heißt es im Positionspapier. Zudem könnten Ärzte keine Gewähr für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Daten in der ePA übernehmen. „Ärzte sind für die medizinische Behandlung des Patienten verantwortlich. Sie dürfen nicht zum Verwalter der ePA werden“, betont die KBV zu Recht.
Ein Vorteil der ePA, der unterstützt werden muss, ist die Möglichkeit der informationstechnologischen Verknüpfung von Versorgung und Forschung: Die Daten aus der Krankenversorgung sollen in der Forschung genutzt werden, um schneller neue Erkenntnisse über Erkrankungen und Therapien zu gewinnen. Umgekehrt sollen valide wissenschaftliche Erkenntnisse rascher in die Versorgung zurückfließen.

ePA im Ausland
Während hierzulande seit Jahren über die Einführung einer ePA diskutiert wird, ist sie in anderen europäischen Ländern bereits als zentrales Element nationaler E-Health-Strategien etabliert, wie z.B. in Dänemark, Schweden, Österreich oder Estland. So wird zum Beispiel in Österreich seit 2015 sukzessive die nationale Gesundheitsakte ELGA eingeführt (https://www.elga.gv.at). Sie vernetzt alle Leistungserbringer miteinander und macht die verteilt im Gesundheitssystem entstehenden Daten der Patienten sowohl den berechtigten Leistungserbringern als auch den Patienten zugänglich. Patienten, die die ELGA nutzen, können per Webbrowser oder Smartphone ihre Daten einsehen. Derzeit werden die Krankenhäuser an das Informationssystem angebunden, anschließend die Arztpraxen und die Apotheken.

Auch in der Schweiz soll auf der Grundlage des 2013 beschlossenen Gesetzes über elektronische Patientendossiers bis Mitte 2018 eine stark föderalistisch organisierte elektronische Akte eingeführt werden, in die der Bürger künftig auch eigene Dokumente und Daten einstellen und über ein Webportal zugreifen kann (www.patientendossier.ch). In Estland können Patienten über das staatliche Patientenportal (https://www.digilugu.ee) dieselben medizinischen Daten ihrer Gesundheitsakte einsehen, auf die die Ärzte und das Pflegepersonal zugreifen. Sie können zudem nachverfolgen, wer auf welche Daten zugegriffen und was die Behandlung gekostet hat.

Fazit
Die ePA muss geeignet sein, insbesondere das Erheben, Verarbeiten und Nutzen von Daten über Befunde, Diagnosen, Therapiemaßnahmen, Behandlungsberichte sowie Impfungen für eine fall- und einrichtungsübergreifende Dokumentation über den Patienten zu unterstützen. Die Betreiberorganisation gematik soll die notwendigen Voraussetzungen dafür schaffen, dass ab 2019 Patientendaten aus vorhandenen Dokumentationen in einer einrichtungsübergreifenden elektronischen Patientenakte bereitgestellt werden können. Der Zugriff auf die Daten ist nur mit Einverständnis des Patienten (die Notfallversorgung bleibt hiervon unberührt) und nur in Verbindung mit einem elektronischen Heilberufsausweis möglich. Außerdem muss er protokolliert werden. Der Patient hat die Datenhoheit über seine elektronische Akte.
Die freiwillig nutzbare Anwendung auf der elektronischen Gesundheitskarte soll es Patienten ab 2019 ermöglichen, eigenständig auf medizinische Daten zuzugreifen. Dazu sollen Daten der elektronischen Patientenakte in das Patientenfach gespiegelt werden. Außerdem sollen Patienten eigene Daten und Dokumente, wie etwa ein Patiententagebuch, Blutzuckermessungen oder rezeptfreie Arzneimittel, einstellen können.

Ihr Intelligenticus

Oktober 2018

* Krüger-Brand, Heike E.; Osterloh, Falk: Dtsch Arztebl 2017; 114(43): A-1960 / B-1658 / C-1624; Stand: 7.Aug. 2018